Einer von uns beiden (EA: 22.02.1974)

 

Das Kinodebut von Wolfgang Petersen ... und auf Anhieb ein Kracher. Ein äusserst dicht erzähltes Psychoduell zwischen einem heruntergekommenen Studenten und einem arrivierten Soziologieprofessor. Neben einem wundervollen Feeling im tristen, geteilten Berlin der Frühsiebziger kontrastiert Petersen die Gesellschaftsschichten der beiden Kontrahenten und den gegenseitigen Hass der beiden - am Schluß bleibt nur einer übrig; Einer von uns beiden eben.

 

Getragen von den beiden Hauptdarstellern Jürgen Prochnow und Klaus Schwarzkopf - die hier in höchster Preisklasse aufspielen - agieren nebenher Stars wie Elke Sommer und Ulla Jacobsson, eine Zuckerschnecke hat's mit Kristina Nel ebenfalls im Programm, nachmalige Fernsehlieblinge wie Anita Kupsch, Otto Sander und Claus Theo Gärtner geben hier ihre frühen Visitenkarten ab. Als Berliner Urviech brilliert Walter Gross.

 

Fotografiert ist die ganze Sache wie immer inspiriert von Charly Steinberger, der zwar nich aufdreht wie bei Vohrers 'Simmel'-Granaten, aber das muss hier auch nicht sein. Das Drehbuch von Manfred Purzer setzt die Romanvorlage von -ky super um, den alles schmierenden Jazzfunk liefert Petersens Stammkomponist Klaus Doldinger mit seiner Gruppe Passport - der Score müsste irgendwann auch noch mal auf CD raus.Doldinger featurete das Hauptthema als 'Samba Cinema' mittlerweile zu einem seiner bekanntesten Hits.

 

Einer von uns beiden ist ein komplett stimmiger Psychokrimi, heute noch modern und herrlich trist - ein echter Downer für Schwermütige (Das gefällt mir!). Neben Das Boot für mich bis heute Petersens bester Film überhaupt. Ein Must-See, keine Frage!

 

Das da nicht nur gepsychot wurde sondern auch geactiont zeigt dieser Clip, untermalt von funkiger Doldinger-Mucke: http://www.youtube.com/watch?v=sWlA0Yus5NA

 

... und der renommierte Filmkritiker Hans-Christoph Blumenberg zeigte sich schon zur EA von dem Film angetan: http://www.filmportal.de/df/89/Artikel,,,,,,,,ECC7F521CE97144FE03053D50B372B2D,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

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Die Tote aus der Themse (EA: 01.04.1971)

 

Der drittletzte Rialto-Wallace versprüht ein finales mal gute deutsche Krimiatmosphäre, präsentiert ein typische 70ies-Story mit leichten Erotikeinsprengseln nach routiniertem Krimiablaufschema. Harald Philipp inszeniert mit sicherer Hand, etwas sehr ruhig zwar aber dennoch gekonnt, eine Story aus eigener und Wendlandt'scher Feder.

 

Neben der wiederum durchaus brauchbar agierenden Uschi Glas im knallroten 3/4-Schwenker kommissariert Hansjörg Felmy schon auf Haferkamp-Frostmatic, ein Herren-Trio par infernal aus Werner Peters (letzte Rolle hier für ihn; dieser großartige Mime starb auf der Premierentournee), Ivan Desny und Harry Riebauer schauspielt sehr souverän, einen schmierigen Gastauftritt gibt Vadim Glowna, toll auch Günther Stoll als arschruhiger Polzeiarzt; restlos Hammer ist natürlich Siegfried Schürenberg mit seinem Wallace-Ausstand als Sir John, eine seiner besten Performances in der Reihe.

 

Die Bildgestaltung (u.a. mit Originalaufnahmen in London) übernahm ebenfalls ein letzte Mal der versierte Stammkameramann Karl Löb, den melancholischen, abwechslungsreichen Soundtrack mit viel Jazz und Doppelharfe komponierte der geniale Peter Thomas.

 

Insgesamt ein würdiger letzter 'deutscher' Wallace mit etwas wenig Zug in der Kolonne, aber trotzdem ein schönes Zeitdokument aus den frühen 70ern. Für Krimifans natürlich ein Muss.

 

Den Trailer gilt es zu bestaunen: http://www.youtube.com/watch?v=diFSS7U-R9Y

 

Die 4-Track-Score-Suite von Peter Thomas ist hier zu hören und zu kaufen: http://www.amazon.de/Filmmusik-Peter-Thomas-Sound-Orchester/dp/B000006UFI/ref=sr_1_15?ie=UTF8&s=music&qid=1273484874&sr=1-15

 

1 Kommentar 10.5.10 11:50, kommentieren

Der Kerl liebt mich - und das soll ich glauben? (EA: 05.09.1969)

 

Ein Zeitgeist-Film vom leider viel zu ungekannten Marran Gosov (der das Kunststück fertig brachte, innerhalb von 3 Jahren 4 Großfilme zu stemmen, die alle fast gleichgut sind), hergestellt zur Hochzeit des 'Schwabing-Filmes' Ende der 60er. Produziert vom legendären Horst Wendlandt (der sich hier ein einmaliges Cameo als Porsche-Fahrer gönnt) setzt es hier eine unaufgeregte, stimmungsvolle, leicht angeerotikte, Retroatmo-geschwängerte und einfach kreuzsympathische Liebeskommödie mit vielen coolen Leuten und witzigen Interaktionen - es lebe der 'Trockenski'.

 

Angelehnt an ihren größten Erfolg Zur Sache, Schätzchen gondelt Uschi Glas als aparte Tony zwischen Berlin und München (beide Städt hier zu ihren glorreichsten Zeiten) umeinand, flankiert von Harald Leipnitz - einem meiner All-Time-Favourite-Actors - sowie Stefan Behrens und 'Dauertwen' Hotte Janson. Kleine aber feine Gastrolle von Dieter Augustin. Am Drehbuch schrieb hier Klaus Lemke mit, den geradezu perfekten Soundtrack - ein sehr easy zu listendes Amalgam aus Light-Beat und Herb-Alpert-Jazz - zu diesem Film liefert Johnny Harris (3 Titel gibt es zu kaufen, den Rest hole ich irgendwann noch mal bei SMV aus dem Archiv).

 

So unbeschwert wie hier konnte junger deutscher Film sein - kein thesenbehaftetes Kopfkino, sondern junges Unterhaltungskino der schönsten Art aus einer Zeit, als es selbst eine Uschi Glas noch nicht fertigbrachte, jeden Film allein durch ihre Präsens zu zerschießen (dafür würde sie diesen Streifen hier heutzutage am Liebsten aus ihrer Vita streichen). Es besteht also definive Ansehenspflicht.

 

Den stimmungstranporteurenden Trailer gibt es - heißa! - hier: http://www.youtube.com/watch?v=z64OAuGNPKI

 

Die Score-Excerpts kann man hier hören, u.a. auch das wundervolle 'Majorie': http://www.amazon.de/Schwabing-Affairs-Various/dp/B00024IP9W/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1273481394&sr=1-1 

 

 

10.5.10 11:18, kommentieren

Lieb Vaterland, magst ruhig sein (EA: 11.03.1976)

 

... und weil's so schön war, noch ein Simmel - leider der Letzte, der 'klassischen' Reihe. Eine der ersten Produktionen von Bernd Eichinger, mit dem 'Wunderkind' und ewig Unterbewerteten Roland Klick auf dem Regiestuhl. In seinem Realismus und der Erdigkeit recht konträr zu den von mir so geliebten Vohrer-Filmen - aber es geht auf, denn Klick ist einfach ein ganz herausragender Regisseur mit einem ureigenen Hang zur Ehrlichkeit. Seine Entdeckung Heinz Domez ist Weltklasse als von den Weltmächten veratener Kleinganove und eine ganz große Schau, besser war er nie. Catherine Allégret ebenfalls sehr gut, Weltklasse die Herrenriege Georg Marischka, Günter Pfitzmann und Dietrich Frauboes - einer stärker als der andere. Kleinparts aus dem Berliner Kiez sind ebenfalls facettenreich gespielt, Rolf Zacher und Gunter Berger geben Gas.

 

Jost Vacano erklärt schon hier, warum er später in Hollywood ein große Nummer wurde: fantastische Bilder mit starker Realitätsnähe. Einen einprägsamen Score komponiert Jürgen Knieper, ein großes melancholisches Thema beherrscht den Film (leider gibt's davon keinen Release). 

 

Roland Klick, nach seinen Meisterwerken Bübchen, Deadlock und Supermarkt ein weiteres Mal ganz nah dran - Lieb Vaterland, magst ruhig sein ist durch seine Ehrlichkeit, seine wunderbare Atmosphäre im geteilten Berlin, die geschickte Inszenierung (die so natürlich wirkt) und die Dialoge ein hochinteressanter Genrefilm, der heute noch modern wirkt - und es wohl auch immer bleiben wird. Dafür gab es anno einen Filmpreis, eine goldene Leinwand für Vacano und ein FBW-Prädikat "besonders wertvoll" - muss ich noch mehr sagen?

 

Die Website des Roland Klick - mindestens einen 'klick' wert: http://www.rolandklick.de/

 

... und das Filmportal: http://www.filmportal.de/df/aa/Credits,,,,,,,,1A5C7E298ECF44D7864EE236F1801976credits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

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Gott schützt die Liebenden (EA: 04.10.1973)

 

... und der nächste Simmel - ich hab' für dieses effektvolle Kolportage-Kino einfach was übrig. Drehtechnisch der direkte Nachfolger von Alle Menschen werden Brüder, zeichnet Gott schützt die Liebenden (ein eher ironischer Titel, wie sich zeigen wird) ein noch düsteres Weltbild. Harald Leipnitz brilliert erneut, diesmal als Unbescholtener, der in die Mühlsteine von Mafia, Polizei und Geheimdienst gerät. Gila von Weitershausen füllt ihre Rolle aus ohne groß akzente zu setzen, Andrea Jonasson dagegen ein Hammer - schade, dass die Frau nicht mehr gedreht hat. Obendrauf mit Nino Castelnuovo DAS italienische Kantengesicht, der Dank Regisseur Vohrer auch mal richtig schauspielern kann und viel Beiwerk - ein Kleinod d'acteur ist wie immer Walter Kohut, diesmal als wienerischer Chef-Poliziant und in Hochform; mit reichlich Screentime und toller Performance.

 

Die Bildgestaltung ist dank CDK Charly Steinberger wieder erster Güte, inkl. Weichzeichner, Froschauge und cetera. Abgerundet wird das ganze durch einen facettenreichen Score von Hans-Martin Majewski, der Ferstl hier ersetzte und ihm (mit kleinen Ausnahmen) in nichts nachsteht - tolle Szenenmusiken + ein tragisch-romantisches Liebesthema (davon ein komplett OST, das wär's).

 

Insgesamt wieder ein sehr gelungener Simmel-Film mit Starbesetzung und toller Regie, nicht ganz die Klasse der Vorgänger, aber ein Meilenstein gegenüber dem, was sonst so im deutschen Publikumskino dieser Tage lief. Für depressive Stunden das Richtige.

 

Die Titelmusik (gleichzeitig das Liebes- und Hauptthema) gibt es glücklicherweise auf dem auch sonst sehr, sehr hörenswerten Sampler hier: http://www.amazon.de/Deutsche-Filmkomponisten-Folge-10-Hans-Martin/dp/B000087DV0/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1271433436&sr=8-1

 

... und das Filmportal soll sich auch noch umtun: http://www.filmportal.de/df/88/Credits,,,,,,,,052DFC4A06DF4B1796B8A2DA97380C8Bcredits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

2 Kommentare 16.4.10 18:22, kommentieren

Alle Menschen werden Brüder (EA: 15.03.1973)

 

Ansonsten gibt's hier ja neuerdings Kurzreviews, aber nachdem ich den Film gestern mal wieder sah und ich diese Langkritik hier noch auf Halde hatte, einfach mal hier reingehauen:

 

Der zum winterlichen Jahreswechsel 1972/1973 entstandene Alle Menschen werden Brüder ist nach Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970), Liebe ist nur ein Wort (1971) und Der Stoff, aus dem die Träume sind (1972) die vierte Verfilmung eines Romanes von Johannes Mario Simmel, die der Münchener Luggi Waldleitner mit seiner Roxy-Film in den 70ern produziert hat – und gleichsam der inszenatorische Höhepunkt der Serie. Eingedenk des großen Erfolges der Vorgänger ist auch bei Alle Menschen werden Brüder wieder das eingespielte Team aus Regisseur Alfred Vohrer, Kameramann Charly Steinberger und Drehbuchautor Manfred Purzer am Werke – nach einem Gastspiel von Peter Thomas als Schreiber der superben Filmmusik zu Der Stoff, aus dem die Träume sind ist mittlerweile auch der nominelle Simmel-Komponist Erich Ferstl wieder mit an Bord.

Die Besetzung zeichnet sich bis in die Nebenrollen erneut durch Erstklassigkeit aus – jede Rolle ist perfekt verkörpert. Harald Leipnitz, nach seiner 'Synchronhauptrolle' in Der Stoff aus dem die Träume sind (als er Paul Neuhaus sprach) zum ersten Mal auch sichtbar in einem Simmel-Film dabei, führt die Besetzungsliste an und liefert eine eindringliche Performance als mit allen Wassern gewaschener und durchweg hinterlistiger Gangster. Als sein ungleicher, rechtschaffener Bruder Richard brilliert der Neuling Rainer von Artenfels, der ein beeindruckendes Kinodebut vorlegt und selbst Leipnitz mitunter an die Wand spielt – von Artenfels reiht sich mit seinem erinnerungswürdigen Auftritt nahtlos in die Reihe der im Zuge der Simmel-Filme durch Alfred Vohrer fürs Kino entdeckten Talente ein (Judy Winter, Alain Noury, Mascha Gonska, Wolfgang Schumacher alias Malte Thorsten, Paul Neuhaus). Kurios ist einzig, dass Leipnitz gegenüber von Artenfels zwar wesentlich weniger Spielzeit im Film vorweisen kann, jedoch vor ihm in den Credits steht – hier ging wohl die Zugkräftigkeit des bekannteren Namens vor. Als zwischen diesen beiden Männern hin- und hergerissene Lilian Lombard ist, nach Ihrer Hauptrolle in Und Jimmy ging zum Regenbogen zum zweiten Mal bei Simmel, die aparte Doris Kunstmann zu sehen, die eine faszinierende Charakterstudie als begehrenswerte Femme Fatale mit tlw. kindlich anmutender Naivität abliefert. Die zweite Reihe der Rollen wird von drei, mittlerweile zum festen Inventar der Simmel-/Vohrer-Besetzungslisten avancierten, erstklassigen Akteuren aufgefüllt: Klaus Schwarzkopf ist genial in seiner Rolle des schlauen wie gläubigen Juden Boris Minski und erhielt hierfür zurecht den Ernst-Lubisch-Preis 1973, Herbert Fleischmann ist seine Rolle des erdigen und findigen Kommissars Eilers wie auf den Leib geschrieben und Konrad Georg hat als Staatsanwalt Paradin ebenfalls einen Glanzauftritt. Synchronass Alf Marholm kann in seiner Rolle als vielgesichtiger Prof. Delacorte wirkungsvolle Akzente setzten, ebenso wie Christiane Maybach als heruntergekommene Hure und Elisabeth Volkmann als von Richard zugunsten seiner großen Liebe Lilian verlassener Gespielin. Weiterhin sind in kurzen Szenen Manfred Seipold, Heinz Baumann, Alexander Golling und Edith-Schultze Westrum zu sehen. Einen Gastauftritt hat Ingrid van Bergen als verruchte Stripteaselokal-Chanteuse, die den von Erich Ferstl geschriebenen Song 'Poor Man' gelungen vorträgt. Vohrers glückliches Händchen bei der Schauspielerauswahl zeigt sich erneut durch die Verpflichtung von Roberto Blanco in der Rolle des Tiny, eines alten Freundes von Richard Mark. Mag dies zunächst unkonventionell und wenig geschmackssicher wirken, so überzeugt Blanco durch sein kraftvolles Auftreten und die geschickte Lenkung des Regisseurs in jeder seiner Szenen; und ist – neben Reiner von Artenfels – die größte darstellerische Überraschung des Filmes.

Für das Drehbuch zeichnet erneut Manfred Purzer verantwortlich, dem es gelingt, aus der bereits 1967 erschienenen umfangreichen und vielschichtigen Romanvorlage Simmels ein schlüssiges und logisch durchdachtes Filmskript zu fertigen – obligate, filmgerechte Ergänzungen durch Regisseur Vohrer tun ihr Übriges zum gelungenen Eindruck des Buches. Wie schon Und Jimmy geht zum Regenbogen und Der Stoff aus dem die Träume sind offeriert die Story interessante Querverbindungen zwischen einer klassischen Dreiecksliebesbeziehung, internationalen Spionagegeschäften, Verweisen in das dunkle Kapitel der Naziherrschaft des dritten Reichs und dem Wirken verschiedenster Korruptions- und Erpressungsgeschäftemacher.

Vohrer setzt Alle Menschen werden Brüder getreu seinem mehrmals erfolgreich angewendeten Stil in Szene und kreiert seinen besten Simmel-Film – fast möchte ich sagen, dass es überhaupt einer der besten Filme ist, die der Regisseur im Laufe seiner langen Karriere gedreht hat. Sämtliche Ebenen des vielschichtigen Drehbuches werden durch die Regie eindringlich beleuchtet, die Rückblenden sind packend erzählt und äußerst glaubhaft gefilmt, die Schauspieler sind auf den Punkt hin geschickt gelenkt – die Verzahnung und Kettenreaktionen der einzelnen Ereignisse und Personen darzustellen, gelingt Vohrer unglaublich dicht und atmosphärisch. Szenenwechsel und Handlungssprünge sind präzise gesetzt und überaus effektiv; auch offenbart die Inszenierung keine Logiklöcher oder Anschlussfehler, alles ist bis ins Detail geplant. Selbst der hintergründige Humor, der für Simmel durchaus untypisch ist, fügt sich homogen in die Stimmung des Filmes ein und ist tlw. wirklich bitterböse. Handwerklich war Vohrer nie besser und spielt zweifellos auf Weltniveau. Nach Sichtung dieses Films würde jedem die Aussage eines Quentin Tarantino, „Alfred Vohrer was a Genius!“ glaubhafter erscheinen denn je.

Einen großen Anteil am Gelingen des Filmes hat natürlich die geniale Kameraarbeit des verdienten Bildgestalters Karl ‚Charly’ Steinberger, der seinen zusammen mit Vohrer für die Simmelfilme entwickelten, innovativen und selbst heute noch modern wirkenden Stil hier konsequent weiterführt. Ständig wirbelt die ungemein bewegliche Kamera verquere Einstellungen und surreale Bildkompositionen, Dialoge werden generell ohne biederen Schuss-/Gegenschuss sondern in interessanten, bildaufteilungsmäßig gewagten Blickwinkeln festgehalten, Filter kommen ebenso zum Einsatz wie extreme Weitwinkel- und Zoomobjektive. Sowohl die beeindruckenden Schauplätze (Marrakesch, Zürich, München, Goslar) als auch die winterlich-triste Atmosphäre in der durch erpresserische Machenschaften durchdrungenen BRD werden von Steinberger grandios eingefangen und überzeugen auf ganzer Linie.

Endgültige Krönung im Gesamteindruck ist der Score von Erich Ferstl, der neben einem in der Melodieführung im Grunde simplen, aber ungemein effektvoll arrangierten Titelthema (mit Ferstl selbst an der Sologitarre) zum wiederholten Male ein melancholisches und traumwandlerisch anmutendes Liebesmotiv für die beiden Hauptprotagonisten – Richard Mark und Lilian Lombard – erschafft, dass sich durch den ganzen Film zieht und perfekt zur Stimmung des Streifens passt. Nebenher ist der bereits erwähnte Song 'Poor Man' ein Hörwert, ebenso wie die diversen Spannungsmusiken für die Handlungen auf dem alten Kontinent – für die Marrakesch-Geschehnisse kann Ferstl zudem seiner Begeisterung für orientalische Rhythmen freien Lauf lassen; mit Bongos, Flöten und Gitarre erzeugt er auch hier eine einzigartige, geheimnisvolle Stimmung. Ferstls ganz eigene, mit keinem damalige Filmkomponisten vergleichbare, Tonsprache passt perfekt zu diesem, wie auch den anderen von ihm betreuten Simmelverfilmungen der Reihe – diese Art von Soundtrack konnte keiner besser schreiben als er.

Insgesamt vollbringt Regisseur Vohrer (zusammen mit seinem Top besetzten Schauspielerensemble und dem inspiriert arbeitenden Drehstab) mit diesem Film ein kleines Kunststück: wer dachte, dass nach dem auf Anhieb gelungenen Erstling Und Jimmy ging zum Regenbogen, dem bittersüßen Liebesdrama Liebe ist nur ein Wort und dem vielschichtigen Agententhriller Der Stoff, aus dem die Träume sind keine Steigerung mehr möglich ist, sieht sich durch Alle Menschen werden Brüder getäuscht. Er erscheint wie die potenzierte Quintessenz der Vohrer-Simmel-Filme der 70er und liefert beste Unterhaltung mit Anspruch, jedoch nicht zu Lasten der Publikumsfähigkeit – ganz im Gegenteil. Vohrers Alle Menschen werden Brüder ist ein hochinteressanter Film mit großartiger Besetzung und stimmungsvoller Musik, der heute noch modern wirkt und uns in eine Geschichte hineinzieht, die im besten Sinne fesselt und nachdenklich zurücklässt. Hier sei der oft zu Unrecht strapazierte Begriff ‚Meisterwerk’ ohne Einschränkungen vergeben. So faszinierend kann deutsches Publikums- und Unterhaltungskino sein.

 

3 Stücke aus dem tollen Ferstl-Score gibt's auf dieser CD zu erwerben: http://www.amazon.de/Film-Fernsehmelodien-Erich-Ferstl/dp/B0002MEHI2/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1271225763&sr=8-1 

 

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Wie kurz ist die Zeit zu lieben (EA: 31.12.1970)

 

Ein ultrararer Film aus der legendären Schmiede der Aquila-Film von Adrian Hoven. Als Nachfolger zu Francos Necronomicon konzipiert und reichlich abgekupfert, erreicht er zwar nicht dessen übersinnlich-morbide Klasse, überzeugt aber als Liebesdrama mit leicht sleazendem Einschlag durchaus auf delektabler Ebene - dass der Film damals nichtmal einen Verleih fand, ertaunt mich doch sehr. Besetzt mit Frontfrau und 'femme Fatale' Janine Reynaud in einer Doppelrolle sowie der südafrikanischen 'Fresse' Hans Meyer durchaus markant, weiterhin Pier A. Caminnecci und Michel Lemoine (wobei sich ewig streiten lässt, wer diesen Film hier nun inszeniert hat: offiziell als Arbeit von Caminnecci gelistet, hieß es hinter den Kulissen, dass der damalige Reynaud-Gatte Lemoine den größten Teil selbst drehte) sowie als Beiwerk Eva Hoffmann (ihr einziger Film), Peter Capell und Egon Vogel. Die Synch aus Berlin punktet neben einem lässigen Rainer Brandt (was der alles gesprochen hat, ein Wahnsinn) vor allem durch Arnold Marquis, der die elegischen Off-Kommentare toll transportiert.

 

Die kraftvolle Musik - der große Pluspunkt des Streifens - stammt von Jerry van Rooyen, der Soundtrack ist Crippled Dick sei Dank zum größten Teil auf CD raus und eine echte Pflichtanschaffung; 250 Miles per hour, mindestens.

 

Wenn der Film auch im letzten Drittel etwas abflacht, so ist er durch seine weltentrückte, todtraurige und dramatisch-drückende Stimmung (auch dank des wohl knappen Budgets)  ein stimmungsvoller Film, der für melancholische Momente durchaus zu empfehlen ist.

 

Den Schlußtwist von van Rooyen (für eine äusserst surreale Verfolgungssequenz) gibt's hier: http://www.youtube.com/watch?v=pkRwjWvmLFQ

 

... und das simply superfantastische 'The Great Bank Robbery' (für einen Raub, bei dem im Film eigentlich alles daneben geht) jazzt's hier: http://www.youtube.com/watch?v=VMZv5J50GrU

 

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