Der Kommissar - Tod einer Zeugin (Folge 16 / EA: 06.02.1970)

 

Unter Fans genießt Tod einer Zeugin einen ganz besonderen Ruf innerhalb der Serie - handelt es sich doch um die mit Abstand surrealste Folge, die hier jemals gekurbelt wurde. Regisseur Zbynek Brynych fährt hier vollends die psychetronische Abgefahrenheitskiste und deklariert den eigentlichen Kriminalfall zum Nebenschauplatz, präsentiert stattdessen ein sattsam arrangiertes Durcheinander von Typen der skurrilsten Preisklasse, lässt die Ermittlerschar Irrsinnigkeiten ablassen und jede Menge absurder Handlungen durchführen.

 

Das Poliziantenquartett ist diesmal wieder komplett und neben dem Kommissar ist es diesmal Günter Schramm der ordentlich loslegen darf - Lachanfälle und "Scheiße!!!"-schreien inklusive.Die ungleichen Karass-Brüder werden gegeben von einem völlig durchgedrehten, aber immens unterhaltam aufspielenden Götz George und seinem stumpfsinnigen Counterpart Klaus Dahlen, des Weiteren der unvergleichliche Werner Bruhns als an den Rollstuhl gefesselter Mordzeuge. Kurz aber köstlich sind die Appearences von Klick-Entdeckung Renate Roland und Boulevard-Star Wolfgang Spier, ein Kabinettstückchen sondershausen ist der Auftritt des tschechischen Shakespear-Darstellers Joseph Vinklar als dick bebrillter und gebrochenst Deutsch sprechendem Hausmeister Seuke - das ist so abgefahren, einfach nur genial.

 

Auch sonst dreht man hier völlig frei: das Drehbuch von Reinecker dürfte nicht mehr als eine halbe DIN-A4-Seite betragen haben hat zudem Anschlussfehler und Logiklöcher im Schweizer-Käse-Format, aber was soll's - Brynych macht daraus das Bestmögliche, indem er vollends Stil fährt. Die Kamera führt zum wiederholten Male Manfred Ensinger und dreht ebenfalls forsch auf, die Musik stellt diesmal einzig und allein das berühmte Stück 'A Banda' in der Aufnahme von Herb Alpert & The Tijuana Brass - und der Track wird derart oft genudelt, dass man entweder irgendwann lachend auf dem Boden liegt oder in den Fernseher schlägt. Das gleiche Prozedere hat Brynych mit Tom Jones' 'Ghost Riders In The Sky' bei Parkplatzhyänen später noch mal abgezogen.

 

Insgesamt sprengt Tod einer Zeugin jeglichen Rahmen, in dem sich Der Kommissar ansonsten bewegt. Man kann die Inszenierungen Brynychs nur lieben oder hassen - ich gehöre zu Ersteren und stehe dazu. 9 von 10 Punkten ohne Nachdenken ... und ab geht's mit Volldampf in den Zbynek-Irrsinn; frohes Fest, meine Damen und Herren.

 

Eine der abgerocktesten Nummern, die jemals beim Kommissar präsentiert wurden - die Sache mit dem Drehstuhl, einer auf die Dauer nervtötenden Melodie und einem ausgeflippten Tschechen auf dem Regiestuhl: http://www.youtube.comwatch?v=cJPnBOcWzCE

 

... und wem das nicht reicht, schaue sich die komplette Folge an: http://www.youtube.com/watch?v=7YqLf53tyHE

 

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Der Kommissar - Das Ungeheuer (Folge 14 / EA: 19.12.1969)

 

Dietrich Haugk als Regisseur ist bei den mir bekannten Derrick- und Kommissar-Elaboraten im Grunde immer eine Bank - die Beiträge haben eine stringente Handlung, viel Lokalkolorit und teilweise wirklich sehr schön getimten und improvisierten Witz - absolute Sahnstreicher ist da wohl die Derrick-Folgen Tod der Kolibris und Der Mann aus Portofino. Natürlich hat auch Haugk mal eine Graupe dabei, sein Kommissar-Einstand Schrei vor dem Fenster ist schon ein rechter Schnarchzapfen, aber hier nun nach dem vermurksten Einstand sein zweiter Kommissar - und bei Das Ungeheuer macht man alles richtig.

 

Das Ermittlerquartett ist diesmal nur ein Trio, da der Wepper Fritz sich gerade in Hamburg befand um unter der Regie von Rolf 'Trashking' Olsen seinen letzten St. Pauli-Kracher Auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu drehen. Somit drechseln der Kommissar und seine beiden Assistenten die Sache hier im Alleingang und mit wie immer gelungenen Dialogen und Lösungsansätzen. Die Verdächtigenschar präsentiert mal wieder viele bekannte und talentierte Gesichter: der omnitalentierte Volker Lechtenbrink ist dabei, der auf die gebrochenen Charaktere Paul Edwin Roth ebenso, Inge Langen spielt auf, der unterschätzte Manfred Seipold (der ein Jahr später in Alfred Weidenmanns Unter den Dächern von St. Pauli endlich mal eine Hauptrolle abbekam) ist zugegen, Hannelore Elsner gibt es als zuckersüßen Aufputz mit Hintergrund obendrein. Sehr schön ist das Mutter-Bruder-Bruder-Trio aus Camilla Spira, Rainer Basedow und Manfred Spies, die allesamt locker vom Hocker auftrumpfen, sehr gut auch Klaus Höhne als listiger Durchschnittsnachbar.

 

Das Buch von Herbert Reinecker gibt sich trotz einiger Logikpatzer solide, die Regie führt natürlich neben dem eigentlichen Kriminalfall auch eine gehörige Portion Lokalkolorit aus einem nicht näher benannten, jedoch ausserordentlich typischen münchener Vorort auf, das sehr zu gefallen weiß. Die Kamera schwenkt diesmal nicht Rolf Kästel sondern Manfred Ensinger, der in Zukunft noch Einiges für die Serie leisten sollte und teilweise auf Lederle'schen Pfaden wandelt - sehr gelungen.

 

Wieder einmal als Krönung setzt es einen tolle (und leider unveröffentlichten) Soundtrack vom Erfinder des Crimegrooves, Peter Thomas himself. Wilde Bläsersätze, funkige Rhythmusgruppe und alles mit Schisslaweng serviert - was kann da schief gehen. Die Eindrücklichkeit der Episode wird durch das weglassen der charakteristischen Schlussmusik noch verstärkt, da so der dokumentarische Moment noch stärker rauskommt.

 

Der zweite Haugk beim Kommissar ist ein gelungener Kracher, der ohne Zögern 8 von 10 Punkten abräumt und sehr gut unterhält.

 

... obligat: http://www.kommissar-keller.de/Folge_12/12.htm

 

1 Kommentar 20.8.10 09:26, kommentieren

Der Kommissar - Die Schrecklichen (Folge 11 / EA: 11.07.1969)

 

Wenn es einen Regisseur gibt, der wie kein anderer das Fanlager der Kommissar-Serie gespalten hat, dann ist es Zbynek Brynych. Dieser überaus talentierte Tscheche hatte mit Filmen wie Vorstadtromanze, Smyk – Dem Abgrund entgegen und Transport aus dem Paradies auf internationalen Festivals ordentlich abgeräumt und war Ende der 60er in den Münchener Schmelztigel gekommen - Die Schrecklichen war seine erste deutsche Produktion und macht von Anfang an klar, dass Brynych zu dieser Zeit einen ganz eigenen Stil fuhr. 

 

Das Ermittlerquartett hat diesmal ausgewogene Rollenverteilungen, jeder kann mal zeigen, was er drauf hat, speziell Fritz Wepper gehört die Schau mit Helga Anders. Neben dieser wunderbaren Aktrice spielen als durchtriebene 'Femme Fatale' Anita Höfer und der auf Wirtsrollen abonierte Dirk Dautzenberg prächtig auf, ebenso Karl Walter Diess als völlig abgerockter Tippelbruder. Ein Kabinettstückchen sind 'Die Schrecklichen', denen Hans Schweikart vorsteht. Mogens von Gadow hat einen Gastauftritt.

 

Bei Brynych tritt der eigentliche Kriminalfall schonmal gerne zugunsten langer Koloriteinstellungen in den Hintergrund, die vollends Zeitgeist transportieren und einem Erinnerungen wach werden lassen an diese Sommer '68 ff. Das Drehbuch von Meister Reinecker steigt hinab ins finstere Milieu von Untergiesing, während sich Rolf Kästel wieder einmal als toller Kameramann entpuppt.

 

Restlos zum Gelingen dieser Episode trägt der Score von Peter Thomas bei, der neben einem Ur-Bayerischen-Hauptthema für Blasorchester diverse Spannungsmusiken typischer PT-Prägung offeriert. Weiters gibt's harten Beat mit Joe Quick als Vorturner und einen hinreissenden Vokaltitel namens 'Corinna', der zum Erkennungsmerkmal der Folge wird und ebenfalls in einer wundervollen Uptempo-Instrumentalversion präsentiert wird. Brynych ließ Thomas völlig freie Hand, was dieser dankend annahm - beide arbeiteten in der Folge oft zusammen.

 

Die erste Brynych-Folge beim Kommissar zeigt gleich, wo's lang geht: das nicht alle Fans da mit ziehen, ist klar - für mich gehören diese Episoden zu den Sternstunden der Serie. 9 von 10 - keine Frage!

 

Diese Szenenfolgen mit dem blutjungen Wepper Fritz und der blutjüngeren Helga Anders offerieren, wie bei Brynych der inszenatorische Wind weht: http://www.youtube.com/watch?v=pQXLRaByIq0

 

Der Semi-Documentary-Vospann der Folge: http://www.youtube.com/watch?v=_fW1yF-08Ns

 

... und die Kommissar Seite zum Thema: http://www.kommissar-keller.de/Folge_11/11.htm

 

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Der Kommissar - Der Tod fährt 1. Klasse (Folge 8 / EA: 02.05.1969)

 

Von der chronologisch fortlaufenden Sichtung der Serie habe ich mal zugunsten der subjektiven Unterhaltung Abstand genommen. Somit also mit der achten Folge dieser Kultreihe ein erstes Hochwassern - Der Tod fährt 1. Klasse aus dem Jahre 1969 ist die erste Folge der 2. Staffel - nachdem gelungenen Einstand geht es nun etwas mehr in Richtung Unterhaltung losgelöst vom eigentlichen Kriminalfall.

 

Aber da Autor Herbert Reinecker hier noch richtig 'im Saft' steht, ist diese Folge ein sehr geglücktes Unterfangen. Neben dem obligaten Ermittlerquartett, dass sich diesmal sehr in Spiellaune zeigt und viele schöne Ensembleszenen abbekommt, spielen hier der alterehrwürdige Franz Schafheitlin mit, ebenso der junge Nikolaus Paryla und Martin Lüttge, Wolfried Lier und Leo Bardischewski, Paul Glawion und Hans Jaray. 

 

Die Regie von Wolfgang Becker - und da betone ich immer wieder genre, dass ich Becker für einen der talentiertesten Krimiinszenatoren des deutschen Fernsehens halte - ist wieder erste Sahne und leistet sich viele gelungene Szenen und Interaktionen, alles eingefangen in winterlicher Atmosphäre + viel Bahnkolorit der Extraklasse vom stets sehr inspirierten Rolf Kästel an der Kamera. 

 

Gleichzeitig ist Der Tod fährt 1. Klasse auch der Einstand von Kultkomponist Peter Thomas beim Kommissar. Thomas, durch Edgar Wallace, Jerry Cotton, Durbridge, Raumpatrouille und was weiß ich nicht noch alles längst zum größten deuschten Filmkomponisten der 60er geworden, gibt sich für den Anfang bescheiden, haut neben dem surrealen Joe-Quick-Kracher 'The World is Gone' lediglich einen finalen Schlusscue bei der Täterüberführung rein, der aber steht wie 'ne Eins. Thomas sollte mit über 20 Folgen der meistbeschäftigte Tonsetzer der Serie werden und die besten Originalscores für die Reihe schreiben. 

 

Gesamthaft ziehe ich hier ohne Zögern die 9 von 10 Punkten, bestelle mir einen Schlafwagen der Deutschen Bundesbahn und nehme den Montagszug nach München - Martin Lüttge kann schon mal Kaffee aufsetzen. Der Kommissar geht um.

 

Das Kommissar-Archiv zum Thema: http://www.kommissar-keller.de/Folge_08/08.htm 

 

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Der Gorilla von Soho (EA: 27.09.1968)

 

Der 27. Film der Rialto-Reihe nach Edgar Wallace - DIE Trashgranate der Serie überhaupt. Der Gorilla von Soho ist 1968 bereits der fünfte Wallace-Krimi, den Regisseur Alfred Vohrer für Hotte Wendlandt hintereinander weg dreht. Hatten die Vorgänger zwar einen vereinzelten Hang zur Selbstironie (Der Hund von Blackwood Castle) und dem gepflegten Trash (Im Banne des Unheimlichen) - jedoch immer als Dreingabe zu einer in sich stimmigen und ernsten Krimihandlung (Der Mönch mit der Peitsche), so ist Der Gorilla von Soho im Grunde die Parodie auf die Wallace-Filme innerhalb der laufenden Serie; quasi Der Wixxer - nur besser und 30 Jahre früher.

 

Die Darsteller sind gut aufgelegt, allen voran Horst Tappert als neue Chefinspektor, der siegessicher und Knüppel schwingend durch den Film hottet und dem richtig anzusehen ist, dass er den leicht überheblichen und befehlsführenden Perkins mit Laune spielt. Desgleichen Uwe Friedrichsen, damals als Assi bei John Klings Abenteuer landbekannt, spielt den Sergeant mit Verve und guter Mimik, ebenso Uschi Glas, die sich nach ihrem Erfolg mit Zur Sache, Schätzchen in ihr Rollenklischee des beschützenswerten Mädchen fügt - solide. 'Alte Hasen und Häsinnen' wie Albert Lieven, Inge Langen, Hilde Sessak und Claus Holm leisten ihre Parts routiniert ab und geben keinen Anlaß zur Kritik, Beate Hasenau und Ralf Schermuly erwischen als Gangsterpärchen beide das pappige Ende der Salzstange. Herbert Fux, eines der größten Galgengesichter welches der Euro-Film jener Zeit hervorgebracht hat, kann zum wiederholten Male ein herrliche Charge darstellen, desgleichen Ilse Pagé als die Sekretärin des Scotland-Yard-Chefs. Eben dieser wird gespielt von Hubert 'Hubsi' von Meyerinck - und der kalauert und schnoddert derartig durch diese Lustgreis-Rolle, dass es fast die Leinwand sprengt. Nebenbei offeriert der Film auch noch die ersten Leinwandsekunden des nachmaligen Erotikstars Ingrid Steeger und prunkt durch Heidrun Hankammer und Ingrid Back in Nebenrollen mit putzigem, weiblichem Beiwerk.

 

Das Drehbuch, welches aus der Feder von Freddy Gregor stammt (ein Pseudonym für Alfred 'Freddy Vohrer und Horst Otto 'Gregor' Wendlandt), bedient sich sowohl in Aktionen als auch in Dialogen reichlich bei Vohrers Wallace-Erstling Die toten Augen von London und modelliert lediglich einiges dem Zeitgeschmack von '68 um - inkl. Gorilla (dessen Kostüm zugegebenermaßen recht lebensnah aussieht), Stripclub usw. Freddy Vohrer inszeniert das ganze Spektakel mit krassem Gegensatz zwischen ernstem Krimi und hemmungsloser Farce, taucht alles in die schrillsten Farben um zu zeigen, dass ein Farbfilm nicht zu Unrecht so heißt und fetzt die ganze Inszenierung mit schnellen Dialogen, krautigen Ideen und schwerem Trash- und Sleazeoverkill. 

 

Sein Stammkameramann Karl Löb versteht des Regisseurs Intention und kurbelt bei diesem, mit Ausnahme einiger Aussenaufnahmen in London, komplett in West-Berlin gedrehten Streifen forsch drauflos, desgleichen Peter Thomas, der mit seinem Score zu Der Gorilla von Soho ebenfalls seinen Trash-Zenit in der Wallace-Zeit erreicht. Dissonante Bläsersätze, Chinagong, fetter Bass und noch fettere Drums - all das präsentiert vom Meister des Groove-Jazz: Peter Thomas. Ihm assistieren dabei Mannen wie Olaf Kübler (Saxophon), Lothar Meid (Bass), Wolfgang Paap (Drums) und Siegfried Schwab (Gitarre), somit also die Cremé de la Creme damaliger Studioproduktionen. Die brechernde Titelmusik, ein Meisterstück in Thomas' Karriere, ist gottlob auf CD raus, gleiches gilt für das symphatische Liebesthema 'Susan and Jim' welches Thomas schon auf Die vollkommene Ehe-Niveau zeigt. Ein perfekter Score für diesen Freakfilm.

 

Was Alfred Vohrer hier abfeiert, ist schon genial: ein als zotelliges Gorilla-Untier umhergehender Mordgeselle, ein kreuzdebiler Lustgreis als Scotland-Yard-Chef, eine große Extraportion Trash der gehobenen Preisklasse - und zu all dem knattert Peter Thomas' fetziger Powerhouse-Groove-Score bis der Morgen graut; unter'm Strich: volle Punktzahl. Es darf gefeiert werden.

 

Der Trailer verrät schon einiges von dem, was hier abgeht: http://www.youtube.com/watch?v=LLR9MH81YU4

 

... und der Pre-Title sowie die fetzige Thomas-Titelmusik machen dann endgültig alles klar: http://www.youtube.com/watch?v=jomvH8tlMgE

 

1 Kommentar 16.8.10 10:21, kommentieren

Anatomie 2 (EA: 06.02.2003)

 

Kommt zwar demnächst wieder Live auf VOX, aber bevor ich mir noch was mal mit Werbung antue - ne, lass ma! Dann doch lieber so. War Anatomie von 1999 noch eine ziemlich exakte 1:1-Adaption amerikanischer Slasher auf heidelbergerschem Campusfield mit einer superben Franka Potente als süßer Screamqueen, so geht Anatomie 2 bewusst andere Pfade. Am Berliner Benjamin-Franklin-Klinikum, dass seine besten Zeiten á la Dr. med Fabian hier auch lange hinter sich hat, operiert eine neue Loge um den ehrbaren Professor Müller-LaRousse (what a name) - ihm zur Seite blutjunge und psychotronisch partiell reichlich derangierte AiP'ler, die zur Erschaffung der neuen 'Herrenrasse' (sic!) ihren Hypokratischen ins Scheißtuch packen und der Totenscheindruckerei volle Auftragsbücher bescheren.

 

Die Geschichte um synthetische Muskeln ist mittlerweile von der Utopie zur Realität geworden, aber Stefan Ruzowitzky - der hier nicht nur Drehbuch und Regie in Personalunion verantwortet sondern inzwischen für Die Fälscher auch einen Oscar auf dem heimischen Vertiko platzieren durfte - mixt hier allerlei Chargerei, Medizinkrimskrams und Actionbeiwerk zusammen und inszeniert das Ganze als saubere Tour de Medicine mit Horrorelementen mit Videocliplook, vereinzelter Psychoanalyse und aufgesetztem Schmelz.

 

Die Charakterzeichnungen sind zwar insgesamt nicht schlecht, aber wirkliche Überraschungen sollte man nicht erwarten - dass das nicht vollends als bekanntes B-Movie endet liegt an den Darstellern, die zum Besten gehören, was das deutsche U30-Kino damals zu bieten hatte. Barnaby Metschurat, mittlerweile durch KDD auch arriviert, liefert hier großes Tennis und fährt die Sache im Alleingang, flankiert von Standards wie Heike Makatsch und dem leider kürzlich verstorbenen Frank Giering. Großes Kino auch durch Roman Knizka und Wotan Wilke Möhring, Gastauftritte liefern die starken Jungstars August Diehl und Franka Potente. Die Altherren- und Damenfraktion wird gegeben durch den beizeiten dann doch etwas chargierenden Herbert Knaup sowie die ehemalige Fassbinder-Aktrice Rosel Zech.

 

Die Kamera, mit reichlich amerikanischem Zuschnitt, bedient Andreas Berger, der sich mit Was tun, wenn's brennt für Höheres empfohlen hatte, die äußerst passechte und fesche, beizeiten unüberhörbar Elfman-eske Musik, stammt wie schon bei Anatomie von Marius Ruhland, Standardkomponist von Ruzowitzky und auch beim schon erwähnten Die Fälscher dabei.

 

Insgesamt ist Anatomie 2 ein durchaus solides Horrorunterfangen aus deutschen Landen, keine Neuerfindung des Rades zwar (wer wollte auch ständig ein Rad neu erfinden), aber für teutonische Verhältnisse gar nicht übel. 6 von 10 ziehe ich bedenkenlos, an guten Tagen lasse ich mich aber gerne zu 6 1/2 bis 7 Packs hinreißen. "Herr Doktor, der Nächste bitte...!!!". Fröhliches Praktizieren, allerseits!

 

Der deutsche Trailer, in der Natur der Sache etwas sehr reißerisch aufgemacht: http://www.youtube.com/watch?v=MFSuzuIn-X0

 

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Die Pagode zum fünften Schrecken (EA: 04.08.1967)

 

Zum Wochenende mal wieder eine Neusichtung, nämlich den hierzulande als Edgar-Wallace-Film verbratenen Abenteuerstreifen Five Golden Dragons, wie dieser Film im Original hieß - die deutsche Titelgebung ist zwar grammatikalisch auf dünnem Eis, aber was soll's. Was darf man hier erwarten: eine leidlich spannende, zwar nicht sehr innovative aber dennoch erheiternde Story, mit dem Hongkong der Mitsechziger eine absolute Traumkulisse, recht einfältige Kostüm- und Storyideen, einen gelungene Soundtrack und jede Menge unterforderter und reichlich chargierende Darsteller und Aushilfsschauspieler.

 

Die Hauptrolle spielt der Amerikaner Robert Commings, der seine besten Hitchcock-Zeiten hier schon weit hinter sich hatte und als ständig Chewing-Gum-kauender Vorzeigeami auf die Dauer auch etwas nervt - diese Mischung aus George Nader und Robert Culp, die er hier zur Schau trägt, ist nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Rupert 'Maigret' Davies spielt seinen Part solide, ohne jedoch seinen üblichen Verve einbauen zu können (da gefiel er mir bei Das Geheimnis der gelben Mönche / Wie tötet man eine Dame doch deutlich besser). Zwei Sicherheitsposten, die noch jede Stumpenrolle aufwerten und allein durch ihre Präsens die Sache retten, sind wieder einmal unser Kinski Klaus (als kettenrauchendes Killerkommando in Personalunion und mit dem Abbonement auf die stets volle Schachtel) und Sieghardt Rupp als hardboiled Drachengangster mit Hang zum Establishment. Weiblicherseits gibt's hier keine schauspielerischen Überraschungen, allerdings befinden sich die 3 Hauptprotagonistinnen Maria Perschy, Maria Rohm und Margaret Lee hier aussehenstechnisch im Zenit ihrer Karrieren und das reicht dann dem Filmfan auch all'weil. Als Gaststars für die 4 Drachen versammelt sich Horrorpräsens das amerikanischen und britischen Films in Gestalt von Brian Donlevy, Dan Duryea, George Raft und 'Fu Man Chu' Christopher Lee.

 

Das Drehbuch schrieb wieder einmal der legendäre Harry Alan Tower unter seinem Pseudonym Peter Welbeck, Regie führte mit Jeremy Summers (den die deutsche Fassung auf Grund vertraglicher Gründe als Joachim Linden ausweist) ein Routinier, der später für Towers auch noch Die Rache des Dr. Fu Man Chu  inszenierte und sich neben Kinofilmen wie Diana - Tochter der Wildnis fürderhin auf TV-Projekte wie S.O.S. - Charterboot!, Randall & Hopkirk oder Jason King konzentrierte. Die Kamera führt Towers' Stammkurbler John von Kotze, der schon Das Rätsel des silbernen Dreiecks filmen durfte, den Schnitt besorgte Donald J. Cohen. Die deutsche Constantin-Film, die den Film bei uns verlieh, schnitt den Film, der im Original weitaus ironischer gedacht war, kräftig um - Waldtraut Lindenau übernahm diese Aufgabe. Die Musik stammt vom verlässlichen Malcolm Lockyer, im Gestus des Krimisektors wohl Tower's bester Tonsetzer der 60er neben Johnny Douglas. Im Stil von Les Baxter vermixt mit reichlich Witz liefert er einen schönen Score, der in der deutschen Fassung noch mit zusätzlichem Material aus dem Archiv von SMV 'aufgestockt' wurde - u.a. sind hier Peter Thomas (aus Die Gruft mit dem Rätselschloss und Neues von Hexer) und Martin Böttcher (aus Das Ungeheuer von London-City) zu hören. 

 

Die Synchro gibt sich grundsolide, offeriert mit Holger Hagen einen meiner Lieblingssprecher und setzt mit Werner Uschkurat, Herbert Weicker und Niels Clausnitzer ebenfalls auf bewährte Stimmen - Maria Perschy spricht sich im Übrigen als einzige deutschsprachige Akteurin auch in der deutschen Fassung selbst.

 

Unterm Strich ist Die Pagode zum fünften Schrecken zwar für mich unterhaltsamer als etwa die Sanders-Filme, aber schlechter als Towers beste Abenteuerproduktionen wie Das Geheimnis der blauen Berge oder In Beirut sind die Nächte lang - die Rapid-Produktionen seh' ich ohnehin noch lieber. Unterhaltsam und kurzweilig ja, ein Kandidat für häufiges Wiedersehen ist er aber nicht - 6 von 10 Punkten unter'm Strich. 

 

Wenigstens liefert der Film einen raren Gesangsauftritt der göttlichen Margaret Lee, die den Song "Five Golden Dragons" zu Gehör bringt: http://www.youtube.com/watch?v=DqEx51zb4yU.

 

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